Nachwuchs auf der Londoner Savile Row

Maßschneiderei ist nicht gerade ein Trendthema, möchte man meinen…
Doch auf der Savile Row – der weltberühmten Maßschneider-Meile im Herzen Londons – hat sich das Blatt gewendet.

Kurzbesuch in London: Die angeblich berühmteste Schneider-Meile steht auf meinem Programm. Ich haben einen Termin bei Richard Anderson, dem wohl jüngsten Schneider auf der Row.

Einen Katzensprung von den immergleichen vertikalen Ketten auf der Oxford Street befindet sie sich. In Erwartung einer geschäftigen Schneider-Straße mit Stoffballen, Zutatenläden und Maßband-behangenen Schneidern, biege ich um die Ecke und bin ziemlich erstaunt. Eigentlich unterscheidet sich diese Straße in so ziemlich nichts von den anderen des Viertels: Die typische Victorianische Architektur, zugeparkt von Autos und hektisch an mir vorbeilaufende Buisinessleute prägen das Bild.

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Erst wenn man die erhöhten Schaufenster der Straße passiert, wird man teils edler, teils bieder eingerichteter Showrooms und Ateliers gewahr. Im Souterrain entdecke ich dann immer wieder Schneideren, wo fleißig geheftet, gesteckt und genäht wird.

Der jüngste Schneider

Bei Richard Anderson empfängt mich Brian, wir hatten kurz zuvor ein witziges Telefonat. Dabei hatte mich mir nciht vorgestellt, das Brian ein Herr von etwa 75 Jahren ist. Sie scheint jung zu halten, die Row: Er feiert in diesem Jahr seinen 60ten Jahrestag auf der Row. Zusammen mit Richard Anderson arbeitete er Jahre zuvor für einen anderen renommierten Schneider hier.

Gemeinsam entschlossen sie sich ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Damals waren sie gerade vier Leute. Heute arbeiten bei Richard Anderson über 30 Leute, teils vor Ort, teils in eigenen Werkstätten. Verständlich, denn die angeschlossene Werkstatt ist klein, wirklich klein. Auf geschätzten 40 Quadratmetern spielt sich alles ab: Anprobe, Schnitterstellung, Zuschnitt, Näherei, Bügeln… . Das Ganze geht mit einer enorm entspannenden Bedächtigkeit vor sich.

Frauen in der Schneiderwelt

Nach einem Plausch mit Richard unterhalte ich mich mit Maya Jauslin, einer der Schneiderinnen. Sie berichtet mir, dass noch vor einigen Jahren wenig Interesse an einer Schneiderausbildung herrschte. Heute ist hingegen der Andrang so groß, dass nur noch Praktika von einer Woche möglich sind.

Das ehemals Männer dominierte Business hat sich stark gewandelt. Immer mehr Frauen drängen nicht nur in den Beruf, sondern auf auf die Chefsessel der renommierten Unternehmen. Auch die Produkte, die Anzüge, geben sich alles andere als bieder. Vom Glitzer-Smoking bis zum violetten Anzug mit Neon-farbenen Futtern hat Jauslin schon so einiges Ungewöhnliches angefertigt. Erfüllt werden individuelle Wünsche immer nach dem Maßstab eines perfekten Handwerks.

Frischer Wind trifft auf altes Handwerk

Schneider wie Anderson bieten einen frischen Look: Anderson selbst erklärt mir, dass seine Anzüge ein klein wenig länger sind und ihren Träger dadruch schlanker erscheinen lassen. Genau das ist es auch, was Männer (und Frauen) heutzutage in die Savile Row zieht:
Ein Produkt, das lange hält und dabei auch nach zwanzig Jahren immer noch irgendwie gut aussieht.

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